Vermischtes
Die neun Leben des Silvio Berlusconi
Warum halten die Italiener Silvio Berlusconi trotz aller Skandale die Stange? Oder scheint das nur so? Resignation und Realitätsleugnung spielen womöglich eine Rolle. Ein Augenschein im «Berlusconi-Land».
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Der Taxifahrer blickt in den Rückspiegel und hüstelt etwas. Berlusconi? Was will der Fahrgast, der doch kein Italiener ist, denn jetzt von ihm hören? Na gut: «Berlusconi bleibt eben immer Berlusconi, und er bleibt uns auch erhalten.» Basta! Am Strassenrand sprechen die Plakate der linken Opposition dutzendfach nur von der «vergogna». Von der Schande also, die der Medienzar mit den Affären rund um die junge «Ruby» und andere Mädchen über das Land gebracht habe. Und der Fahrgast fragt sich, wie das gebeutelte Italien mit dem miesen Image umgehen kann, warum Berlusconi sich trotz allem hält.
Szenenwechsel in Rom. Auch der Metzger auf dem Markt des Monti-Viertels hat durchaus seine Meinung, er schmunzelt sogar, während er dem Kunden dünne Scheiben vom Rind für die Involtini alla Romana schneidet: «Selbst wenn die ihn jetzt kippen könnten, würde er die nächsten Wahlen doch wieder gewinnen.» Ob er das nun mit Zuversicht oder resigniert sagt, lässt er offen. Es passt in jedem Fall prima zu einem Kommentar am Zeitungskiosk: «Berlusconi hat neun Leben, so wie eine Katze.» Punkt. Achselzucken. Denn es ist weitaus wichtiger, über die letzten Spiele der beiden Hauptstadtklubs AS Roma und Lazio zu reden. Auch wenn die neun Leben irgendwann vorbei sind.
Weitere Minderjährige an Berlusconis Sex-Partys
Der neue Sexskandal, mit dem der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi seit Tagen konfrontiert ist, zieht weitere Kreise. Nach italienischen Medienberichten soll eine zweite minderjährige Prostituierte an Partys in der Mailänder Villa des Premiers teilgenommen haben. Mehr dazu lesen Sie hier.
Jenseits der Grenzen des Stiefelstaates schwanken die Reaktionen zwischen fassungslos und sarkastisch, wenn es um den 74-jährigen Mann aus Mailand geht. Korruptionsprozesse verfolgen ihn, gegen ihn wird wegen Prostitution und Amtsmissbrauch ermittelt, im Parlament hat er keine Mehrheit mehr – und dennoch regiert Silvio Berlusconi weiter, zum dritten Male seit dem Einstieg in die Politik im Amt. Im Moment jedenfalls noch. Und das auch all den Bildern vom brennenden Müll in Neapel zum Trotz. Um nur ein Problem zu nennen, das «bella Italia» ungelöst vor sich her schiebt. Die Regierungskrise lähmt das Land.
Vielleicht helfen da Schriftsteller weiter, die es einst aus dem Ausland nach Italien zog, das doch lange das Land der Sehnsucht für viele Nordlichter war. Etwa der britische Historiker Paul Ginsborg, der seit 18 Jahren in Italien lebt: In keinem anderen Land der Erde reagierten die Bürger mit so viel Selbstverachtung, hält er in seinem jüngsten Werk «Salviamo l'Italia» (Retten wir Italien) fest: «Sicher nicht die Griechen oder die Franzosen, und auch nicht die Amerikaner oder die Briten.» Dann spricht Ginsborg davon, dass grosse Tristesse über die derzeitige Lage im Berlusconi-Land zu spüren sei, «begleitet von einer tiefen Resignation.» Also doch alles nur ein Achselzucken?
Leben die Italiener heute also in einem luftigen mediterranen Wolkenkuckucksheim, in einem Land verflachter Kultur, wie es schon der Schriftsteller und Filmemacher Pier Paolo Pasolini in düsteren Farben an die Wand gemalt hatte? Sicherlich nicht, was ihre grossen alltäglichen Probleme angeht. Die Jugendarbeitslosigkeit ist riesig, Millionen ältere Menschen müssen jeden Euro umdrehen, der Staat ist ungeheuer verschuldet. Also versucht man sich durchzuhangeln, mit etwas Hilfe von den Freunden. Die Politikverdrossenheit ist immens, das Parlament gilt als Schwatzbude. Vertrauen geniesst wohl allein Staatspräsident Giorgio Napolitano. Er sei eine «ehrliche Haut».
Doch noch etwas machte es Berlusconi bisher leichter, trotz der Sex-Eskapaden rund um die blutjunge Marokkanerin «Ruby» seine Felle noch einmal zu retten. Wer in Rom über den Via del Corso im Centro Storico schlendert, begegnet Rudeln noch minderjähriger Mädchen in eben der grellen Aufmachung jener «Ruby». Die italienischen Zeitungen bringen unterdessen über Seiten hinweg mit Vorliebe vulgäre Fotos all der angeblichen Eskortdamen und Gespielinnen in den Luxusvillen des Mailänder Milliardärs. Das schafft ein sexistisch aufgeladenes Klima.
Die italienische Macho-Gesellschaft, es gibt sie also noch, allen feministischen Bestrebungen zum Trotz. Und manche Männer – das zeigen Umfragen – beneiden den «Cavaliere», da der sich alles erlauben kann. Andere würden vielleicht gern beim «bunga bunga» mitmachen, wenn die Nacht ein paar Tausender bringt. Und vielleicht auch berühmt macht.
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