Schweiz
Über eine Viertelmillion Kinder von Armut betroffen
In der reichen Schweiz ist jeder 10. Mensch arm. Dazu gehören auch viele Kinder, wie Caritas-Direktor Hugo Fasel unterstreicht. Sie sind von der Working-Poor-Statistik nicht erfasst. Wie etwa auch armutsbetroffene Rentner oder Ausgesteuerte.
«Wir haben 1 von 10 Personen in der Schweiz, die armutsbetroffen ist, und wir haben 260‘000 Kinder, die in armutsbetroffenen Familien leben.» Das sagte Caritas-Direktor Fasel in der Sendung «heute morgen» von Radio DRS mit Blick auf die erste «Nationale Konferenz zur gemeinsamen Bekämpfung der Armut». Dass in der Schweiz über Armut gesprochen werde, sei ein Novum – und allein schon deshalb sei diese erste Konferenz ein Erfolg, sagte er.
Das Thema soll auf der Agenda bleiben. Bundesrat Didier Burkhalter plant künftig alle zwei Jahre eine Lagebeurteilung mit den Verantwortlichen der Städte, Gemeinden und Kantonen sowie der Hilfswerke, wie er in der «Tagesschau» sagte.
Die vom Bundesamt für Statistik (BFS) letzte Woche veröffentlichte Statistik der Working Poor erfasst längst nicht alle Armen in der Schweiz und bildet damit nur einen Teil des Problems ab. Denn sie registriert nur die Erwerbstätigen im Alter von 20 bis 59 Jahren, die in einem Haushalt leben und deren kumulierter Erwerbsumfang mindestens einer Vollzeitstelle entspricht.
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Armuts- und Working-Poor-Quote nach Haushaltstyp
Quelle: Bundesamt für Statistik, Schweizerische Arbeitskräfteerhebung SAKE 2006
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Erwerbstätige gelten laut BFS nicht als Working Poor, solange der Erwerbsumfang eines Haushalts nicht mindestens 36 Stunden aufweist.
Dies ist bei Einelternhaushalten häufig gerade nicht der Fall, wie der Bundesrat in seinem im Frühling veröffentlichten Armutsbericht festhält. Armutsgefährdet sind vor allem Haushalte von Alleinerziehenden und Paare mit mindestens 3 Kindern. Familien sind vor allem auch deshalb betroffen, weil mit Kindern die Kosten für den Lebensunterhalt steigen. Gleichzeitig sind die Arbeitsmöglichkeiten wegen der Familienpflichten häufig eingeschränkt.
Möglichst gute Startchancen für Kinder
Die Armutsprävention bei Kindern beruht laut Bundesrat auf der Schaffung von möglichst guten Startchancen für alle Kinder. Denn Armut kann die intellektuelle, soziale, physische und psychische Entwicklung von Kindern einschränken. Ihre künftigen Lebenschancen werden damit beeinträchtigt, wie der Bundesrat in seinem Armutsbericht festhält.
Aussen vor bleiben in der BFS-Statistik auch armutsbetroffenen Rentnerinnen und Rentner. Im Jahr 2007 belief sich die Zahl der AHV-Bezüger auf insgesamt knapp 1,3 Millionen. 155‘600 davon bezogen Ergänzungsleistungen, was einem Anteil von 12,4 Prozent entspricht. Über 100‘000 Rentner beziehen zudem kantonale Zusatzleistungen, Hilflosenentschädigung, individuelle Finanzhilfe oder Sozialhilfe.
Auch die Langzeitarbeitslosen sind in der Working-Poor-Statistik nicht erfasst. Langzeitarbeitslosigkeit führt meistens zur Aussteuerung. Rund ein Sechstel der Ausgesteuerten – 15 Prozent – brauchen Sozialhilfe. Letztes Jahr waren 22‘000 Menschen ausgesteuert und 3300 von ihnen unmittelbar nach der Aussteuerung auf Sozialhilfe angewiesen.
Unterschiedliche Definitionen der Armut
Armut bedeutet je nach Kontext etwas anderes, und deshalb gibt es keine allgemein gültige Definition von Armut. In der Regel wird zwischen der rein materiellen Existenzsicherung und der Möglichkeit der Beteiligung am gesellschaftlichen Leben unterschieden.
Die Working-Poor-Statistik des BFS beschränkt sich auf die Definition über die materielle Existenzssicherung, während die vom Bundesrat in seinem Armutsbericht die Definition der Europäischen Union hervorhebt.
Diese geht über die materielle Grundversorgung hinaus und berücksichtigt auch den gesellschaftlichen Kontext:
«Personen, Familien und Gruppen sind arm, wenn sie über so geringe (materielle, kulturelle und soziale) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Staat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist.»
(sf/coro)



