Schweiz
Working Poor in der Schweiz: «Erschreckend hohe Zahl»
Arbeiten und trotzdem nicht genügend Geld verdienen, dass es bis zum Monatsende ausreicht: Man nennt sie Working Poor, und es gibt sie auch in der Schweiz - und zwar in einer «erschreckend hohen Zahl», wie Regula Heggli von Caritas unterstreicht. Die Zahl dürfte seit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise sogar noch angestiegen sein.
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Im Jahr 2008 waren in der Schweiz 118‘000 Menschen im Erwerbsalter von 20 bis 59 Jahren so genannte Working Poor, wie das Bundesamt für Statistik (BFS) bekannt gab. Das heisst, sie lebten in Haushalten, wo der Lohn für ein Vollzeitpensum nicht ausreicht, um bis zum Monatsende finanziell über die Runden zu kommen.
Statistik erfasst nur einen Teil der Armen
Für Regula Heggli, Leiterin der Fachstelle Sozialpolitik bei Caritas Schweiz, ist diese Zahl von 118‘000 Working Poor «erschreckend hoch». Es gebe aber noch weit mehr Arme in der Schweiz, sagte sie zu «tagesschau.sf.tv». Denn die Working-Poor-Statistik erfasse weder die Kinder, die in von Armut betroffenen Haushalten lebten, noch die über 59-jährigen Erwerbstätigen und auch nicht die von Armut betroffenen AHV-Bezüger.
Auch wenn die Working-Poor-Quote (gemessen an sämtlichen Erwerbstätigen im Alter von 20 bis 59 Jahren) im Jahr 2008 auf 3,8 Prozent zurückgegangen ist, verglichen mit 4,8 Prozent im Vorjahr, bedeutet dies laut Heggli nicht, dass weniger Leute von Armut betroffen waren. Denn: «Wenn Working Poor ihre Arbeit verlieren, bleiben sie weiterhin arm.»
Eine BFS-Statistik, welche die Armutsquote gemessen an der Gesamtbevölkerung ausweist, wird bald zugänglich sein. Sie wird im Dezember dieses Jahres erstmals erscheinen, wie Thomas Priester von der BFS-Sektion Sozialanalyse sagte.
Anstieg der Working Poor zu erwarten
Den Rückgang der Working-Poor-Quote von 2007 auf 2008 führt Priester auf die damals brummende Konjunktur und die starke Abnahme der Arbeitslosenzahlen zurück. Seither dürfte die Quote wieder nach oben zeigen, sagte der BFS-Fachmann. Dies bestätigte auch Heggli. «Vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise muss leider davon ausgegangen werden, dass wieder mehr Leute betroffen sind», erklärte sie.
Working-Poor-Anteile der wichtigsten Risikogruppen 2007 und 2008
(Prozentsatz der erwerbstätigen Armen gemessen an allen Erwerbstätigen im Alter von 20 bis 59 Jahren, Quelle: Bundesamt für Statistik)
| 2007 | 2008 | |
| Working-Poor-Quote insgesamt | 4,8 | 3,8 |
| . | ||
| Besonders betroffen sind: | ||
| Alleinerziehende | 10,3 | 9,4 |
| Paare mit 3 und mehr Kindern | 15,0 | 11,3 |
| Ausländer/innen | 8,0 | 6,7 |
| Obligat. Schule und Anlehre | 12,8 | 11,2 |
| Selbstständige und mitarbeitende Familienmitgl. | 7,8 | 6,6 |
| Selbstständige ohne Angestellte | 10,1 | 9,1 |
| Nichtdauerhafte Anstellung | 11,0 | 8,2 |
| Erwerbsunterbruch | 7,7 | 6,0 |
Stark übervertreten sind die Working Poor laut dem BFS in gewissen Wirtschaftszweigen - etwa im Gastgewerbe und bei Hausangestellten in Privathaushalten. Hinzu kommen Angestellte von Reinigungsinstituten oder zum Teil auch im Detailhandel, wie Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) zu «tagesschau.sf.tv» sagte. «Kurioserweise gibt es gerade in teuren Boutiquen Angestellte, die Mäntel verkaufen, die so viel kosten wie sie selber im Monat verdienen», so Lampart.
Armut ist in der Schweiz kaum sichtbar. «Das heisst aber nicht, dass es sie nicht gibt», betont die Caritas-Fachfrau Heggli. Viele Arme seien darauf bedacht, sehr korrekt und unauffällig aufzutreten, weil sie die Armut nicht gegen aussen sichtbar zeigen wollten. Ist ein näherer Kontakt zu Betroffenen möglich, fällt aber auf, dass sie beispielsweise die Zahnarztrechnung nicht bezahlen können oder gar nicht zum Zahnarzt gehen, sowie in beengten Wohnverhältnissen leben.
Dass Armut in der reichen Schweiz überhaupt möglich ist, ist für Heggli schlicht inakzeptabel. «Wir könnten es uns als Gesellschaft leisten, keine Armut zu haben», sagt sie. Dass es aber dennoch Working Poor gebe, hänge wohl damit zusammen, dass in den letzten 20 Jahren die prekären Arbeitsverhältnisse zugenommen hätten.
Dazu gehören etwa befristete Arbeitsverträge, eine ungewollte Teilzeitarbeit oder Arbeit auf Abruf. Hinzu kommen noch die Arbeitsstellen im Tieflohnbereich. Um das Problem der Working Poor zu entschärfen, braucht es laut Heggli unter anderem existenzsichernde Löhne.
«Die Löhne müssen so hoch sein, dass man davon leben kann», verlangt auch SGB-Chefökonom Lampart. Die Gewerkschaften fordern deshalb in einer Initiative einen Mindestlohn. Bezahlt werden müssten mindestens 22 Franken pro Stunde, was rund 4000 Franken pro Monat entspricht. Laut dem SGB verdienen nach wie vor rund 400‘000 der Beschäftigten in der Schweiz weniger als 22 Franken pro Stunde.
Armutsgrenze und Definition von «arm»
Im Jahr 2008 lag die Armutsgrenze laut dem Bundesamt für Statistik (BFS) pro Monat bei 2300 Franken für Alleinstehende, 3900 Franken für Alleinerziehende mit zwei Kindern und 4800 Franken für ein Ehepaar mit zwei Kindern.
Alle Personen im Alter von 20 bis 59 Jahren, die in einem Haushalt leben, dessen monatliches Einkommen nach Abzug der Sozialversicherungsbeiträge (AHV, IV, 2. Säule, Arbeitslosenversicherung, usw.) und der Steuern unter der Armutsgrenze liegt, werden als arm bezeichnet.
Als Working Poor gelten innerhalb dieser Bevölkerungsgruppe alle jene, die mindestens eine Stunde pro Woche arbeiten und in einem Haushalt leben, der – auch zusammengezählt – mindestens über ein volles Erwerbspensum verfügt.
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S. Bracher, Hasle-Rüegsau
)
(siresimon
Verfasst am: 5.11.2010 16:40
Ein längst fälliger Beitrag
Besten Dank, dass endlich einmal ein Beitrag mit... mehr
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M. Jäger, Wildwil
)
(jaegerlein
Verfasst am: 5.11.2010 14:33
Alles ist relativ
wer in Afrika, China, Südamerika oder Indien ein... mehr
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P. Schweizer, Bern
)
(schwarzes_schaf
Verfasst am: 5.11.2010 14:32
Ich habe als Vollzeit-Student
weniger als 2300 Franken und muss sagen, dass ich... mehr
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