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Thilo Sarrazin im «Club» - Schafft sich auch die Schweiz ab?

Mittwoch, 3. November 2010, 0:29 Uhr

Thilo Sarrazins Buch «Deutschland schafft sich ab – wie wir unser Land aufs Spiel setzen» polarisiert – auf beiden Seiten. Es polarisiert so sehr, dass Massen an Menschen in die Läden gestürmt sind und es gekauft haben. Es ist das bestverkaufte Sachbuch seit 1945. Über 1 Mio. Exemplare wurden verkauft. Doch treffen Sarrazins Aussagen auch auf die Schweiz zu? Die Gäste des «Club» haben sich dieser Frage angenommen.

Bild Club
Die Gäste des «Club» hätten noch lange weiterdiskutieren können. sf

«Das Buch hat viel Arbeit gemacht», sagt Thilo Sarrazin, Autor des Bestsellers «Deutschland schafft sich ab – wie wir unser Land aufs Spiel setzen», im «Club».

Brisanz aus der Schlüssigkeit

Er habe immer wieder gedacht: Das musst du nun präzise bringen. Weil alles, was man als steile These hätte empfinden können, exakt begründet werden müsse. Am Ende seien 80 % des Buches Fakten und Analyse. «Mein Buch enthält eigentlich wenig Wertung. Die Brisanz der Sache ergibt sich für mich, dass die Argumentation schlüssig ist», sagt Sarrazin.

«Anfangs kannte niemand das Buch. Statt über das Buch sprach man daher über mich. Und dann, obwohl niemand das Buch kannte, begann das allgemeine Verdammungsurteil. Ganz vorneweg die Bundeskanzlerin.»

Rechte nähert sich Sarrazin an

Er sei Teil des Systems. 35 Jahre Beamter, Manager im öffentlichen Unternehmen, SPD-Politiker. Es sei seine politische Klasse gewesen, die sich hier plötzlich gegen ihn gewandt habe. «Wenn alle, mit denen man sonst verkehrt sagen: Das ist aber krass. Das geht überhaupt nicht. Das ist falsch und unmoralisch. Dann wird man unsicher. Es war nicht einfach für mich.»

Sarrazin habe immer darauf geachtet, dass er zu den Rechtskonservativen eine gewisse Distanz halte. «Es gab Versuche von der FPÖ von Wien, mich da reinzuziehen. Mir wurden fantastische Gagen versprochen. Es gab auch Versuche aus der Schweiz.»

«Der Beifall von der falschen Seite muss man aber aushalten. Andernfalls würde man sich von den Falschen lenken lassen, wenn man von denen seine Meinung abhängig macht.

Müller: Überraschender Absender

«Ich staunte, wie wenig Neues dieses Buch enthält», sagt Patrik Müller, Chefredaktor von «Der Sonntag». Für ihn sei es ein Erklärungsversuch für Fragen, die sehr viele Leute beschäftigten. «Es macht auch etwas aus, dass sie ein Linker sind und kein Rechter. Es spielt auch eine Rolle, dass sie kein Populist sind, sondern ein Intellektueller, einer aus der Elite. Der Absender ist einfach überraschend.»

Zudem würde die Debatte über den Islam und die Zunahme der islamischen Bevölkerung, auch in der Schweiz geführt, so Müller weiter. Die islamische Bevölkerung habe sich innerhalb von 20 Jahren verdreifacht, von 150‘000 auf über 400‘000. Die Debatte sei bislang den Rechtspopulisten überlassen worden.

Muschg: Verdammt nötiges Buch

«'Deutschland schafft sich ab'» ist natürlich ein Reissertitel, stellt Schriftsteller Adolf Muschg fest. «Ich habe es, abgesehen vom Inhalt, gerne gelesen.» Denn es sei sehr schön geschrieben. «Und ausserdem ist auch ein verdammt nötiges Buch.»

Sarrazin habe ja nicht alles erfunden, was im Buch stehe. «Man hat sich damit begnügt, den Autor in diese oder jene Schublade abzulegen. Das ist für das öffentliche Wohl zu wenig. Solche Bücher muss man als Chance betrachten», meint Muschg weiter.

El-Sonbati: «Wir» und «sie»

Nicht ganz so sieht es Jasmin El-Sonbati, Muslima, Gymnasiallehrerin und Autorin von «Moscheen ohne Minarett». Sarrazins Buch sei in vieler Hinsicht eine Vereinfachung. «Es heisst da immer 'wir' und 'sie'. Wir die Deutschen, die Kulturträger. Sie, die Anderen.

Ich als Muslimin mit Migrationshintergrund finde, dass hier ein Generalverdacht auf Muslime ausgesprochen wird. Entlang des ganzen Buches kommen die Begriffe: Bildungsfern, dann die Geschichte mit der Fertilität.» Für sie sei im Buch einfach eine abwertende Note drin. «Ich finde, andere werden ausgegrenzt.»

Hermann: Buch wäre in der Schweiz kein Aufreger

«Ich glaube, es ist doch sehr ein deutsches Buch», sagt Michael Hermann, Politgeograf, Ko-Autor Studie zur neuen Zuwanderung in den Wirtschaftsraum Zürich. «Ich glaube in Deutschland wurde die Thematik der Zuwanderung, Ausländer und Migration jahrelang tabuisiert. Es wurde als Unthema behandelt, und wenn nur vom rechten Rand behandelt.»

In der Schweiz wäre das Buch nach der Schwarzenbach-Initiative und der SVP, die solche Themen thematisiert, nie zu solch einem Aufreger geworden, meint Hermann.

Kampf gegen die »besseren Menschen«

Ob die Lage in der Schweiz tatsächlich anders ist, lässt Alain Pichard, Reallehrer, offen. «Ich möchte mich zwar nicht mit Sarrazin vergleichen. Aber so eine kleine Mini-Sarrazin-Debatte habe ich auch im 2006 ausgelöst.»

4-Phasen-Reduit-Denken der Linken nach Alain Pichard, Reallehrer

«Wir haben Probleme. Wir haben zum ersten Mal in der Schweiz die Tatsache, dass die 2. Generation nicht mehr Fortschritte macht verglichen mit der 1. Generation. In meinem Schulalltag stelle ich das vor allem bei Kindern aus muslimischen Ländern fest», sagt Pichard.

Muschg: Normaler Prozess der Meinungsbildung

Für Autor Muschg sei die Aufregung, die Sarrazin erlebt, eigentlich ein ganz normaler Prozess der Meinungsbildung im Kollektiv. Oder wie es in Hegels Ästhetik steht: «Der Einzelne vereinzelt sich, das Allgemeine folgt ihm nach. Und er endet tragisch», meint der Schriftsteller.

US-Bürger haben mehr Kinder als Türken

«Was sehr stark betont wurde, ist der starke Anstieg der muslimischen Bevölkerung. Das passierte vor allem in den 90ern-Jahren. Aus Folge des Krieges, aus Folge dessen, dass wir schon eine Arbeitsmigration hatten», stellt Hermann weiter fest. Doch türkische Frauen in der Schweiz hätten heute im Schnitt lediglich 1,9 Kinder.

«Damit haben sie 50 % mehr Kinder als der 'normale' Deutschschweizer», fällt ihm Sarrazin ins Wort.

«Amerikanerinnen haben im Vergleich 2,1 Kinder. Sie haben also mehr Kinder als die Türkinnen in der Schweiz. Die Tamilinnen haben 4 Kinder. Es hat also überhaupt nicht nur mit dem muslimischer Kultur zu tun hat», hält Hermann weiter fest.

Leute aus Serbien inklusive Kosovo da sei die Rate von 2002 bis 2010 von 3,3 auf 2,3 Kinder runter gegangen. «Es gibt also auch eine Dynamik», so Hermann.

Fruchtbarkeit abhängig vom Bildungsstand

Aber nicht nur die Geburtenrate ist das Thema in Sarrazins Buch. Auf seinem Umschlag schreibt er: «Ich will mich nicht damit abfinden, dass die Deutschen immer älter und weniger werden, sondern auch immer dümmer und abhängiger von staatlichen Zahlungen.»

«Ich gehe von den Fakten aus. Ich habe analysiert, mit offiziellen Zahlen, dass Fruchtbarkeit abhängig ist vom Bildungsstand», sagt Sarrazin dazu.

Thilo Sarrazin: Deutschland schrumpft, noch mehr der Intellekt

«Deutschland schrumpft mengenmässig, von den Kopfzahlen. Der Intellekt und die Bildung schrumpft aber noch mehr», so Sarrazin weiter.

Inseln des Fremdseins

«Nehmen wir den Bezirk Neukölln in Berlin. 300‘000 Einwohner. Davon ist der südliche Teil eine Familienhaus-Gegend, der Mittelstand. Der nördliche Teil mit 180‘000 Einwohner ist zu 50 % türkisch und arabisch.»

An den Schulen seien die Kinder zu 80 % türkisch und arabisch. Damit sei in 30 Jahren auch die Bevölkerung insgesamt zu 80 % türkisch und arabisch. «Diese Inseln des Fremdseins bilden sich überall in Deutschland und sie wachsen. Das ist das Problem.» Sarrazin erläutert das Problem an einem Beispiel eines Erlebnisses seiner Frau, die Lehrerin ist.

El-Sonbati: Problem ist die Verallgemeinerung

«Was ist das Allgemeinste, der einzelne Fall», zitiert der Schriftsteller Muschg Goethe. Sarrazins Statistik sei gewissermassen ein Alibi sich vom einzelnen Fall zu dispensieren.

Auch El-Sonbati sieht das Problem in der Verallgemeinerung. «Dieses Festmachen an einer Religionsgemeinschaft das finde ich problematisch.»

Immer sei das Umfeld schuld, gibt Chefredaktor Patrik Müller zu Bedenken. Nicht die Eltern seien schuld, die ihre Kinder zu wenig förderten. «Die Nachkommen der Italiener wollten in den 60er-Jahren die besseren Schweizer sein», meint Müller. Bei den Muslimen sehe er aber, dass die 2. Generation eher radikaler sei, sich eher weniger integrieren wolle. Da frage er sich schon: Wann ändere sich das ?

Schon am Namen erkenne man Muslime, sagt Patrik Müller, Chefredaktor «Sonntag».

Natürlich seien Muslime keine Opfer, sagt El-Sonbati zu Müllers Einwand. «Sie haben eine Bringschuld. Und diese Bringschuld muss eingefordert werden.»

Auch Hermann schaltet sich ein. «Was man einfach sehen muss. Es gab eine Zeit in den 90ern. Da sind viele in die Schweiz gekommen und nicht weil sie hier ihr Leben verbessern wollten», sagt Hermann. «Sie wollten zurück», schaltet sich Jasmin El-Sonbati ein.

Hermann: Grösster Teil der Zuwanderung kommt aus Deutschland

«Es gab eine Krise. Wir hatten diesen Familiennachzug. Wir haben einiges geändert und daraus gelernt. Wir haben wie eine Art verlorene Generation von Menschen aus dem Balkan, die zu spät gekommen sind, um sich noch zu integrieren.» Sie seien erst mit 15 Jahren in die Schweiz gekommen. Nun seien sie eine problematische Generation, so Hermann weiter.

«Aber das hat sich in der Schweiz in den letzten Jahren stark geändert. Wir haben eine neue Art von Zuwanderung. Mehr als 80 % der Zuwanderung in der Schweiz kommt nämlich nicht aus dem islamischen Raum. Der grösste Teil der Zuwanderung kommt aus Deutschland. Wir reden ja auch häufig über die deutsche Zuwanderung und über die kulturellen Probleme, was ja Luxusprobleme sind.»

Man dürfe also nicht vergessen, dass es da eine Entwicklung gebe, so Hermann weiter.

(sf/godc)