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«Die Zukunft der Frankophonie liegt in Afrika»

Sonntag, 24. Oktober 2010, 11:22 Uhr

Die Internationale Organisation der Frankophonie (OIF) sei kein verlängerter Arm Frankreichs, sagt Ingo Kolboom, Professor für Frankophonie an der Technischen Universität in Dresden. Im Interview mit der Nachrichtenagentur SDA weist Kolboom darauf hin, dass Kanada und immer mehr auch Afrika grossen Einfluss im Gremium hätten.

SDA: Immer wieder ist der Vorwurf zu hören, die OIF sei ein PR-Instrument französischer Interessen. Stimmt das?

Ingo Kolboom: Die internationale Frankophonie ist eine seit den 1960er-Jahren auf den Weg gebrachte Idee der ehemaligen französischen Kolonien. Frankreich dagegen bevorzugte lange Zeit bilaterale Verträge mit den einzelnen Ex-Kolonialstaaten im Sinne von «teile und herrsche».

Erst 1986 verankerte der französische Staatschef François Mitterrand die Frankophonie auf Ebene der Staats- und Regierungschefs. Es wäre also zu einfach zu sagen, die Frankophonie sei der verlängerte Arm Frankreichs.

Porträt von Ingo Kolboom
«Es wäre zu einfach zu sagen, die Frankophonie sei der verlängerte Arm Frankreichs»
Ingo Kolboom

SDA: Fakt ist, dass Frankreich heute die Organisation dominiert.

Kolboom: Nur finanziell, politisch nicht unbedingt. Denn Kanada und die Provinz Québec haben von Beginn an eine wichtige Rolle gespielt. Als Nichtkolonialmächte profitierten sie vom starken Ansehen seitens der afrikanischen Staaten.

Gerade das Engagement der nordamerikanischen und afrikanischen Mitglieder hat dafür gesorgt, dass die Frankophonie sich heute als polyzentrisch versteht.

SDA: Viele OIF-Mitglieder sind französische Ex-Kolonien. Sie sind auf wirtschaftliche Unterstützung angewiesen, die vor allem von Frankreich kommt. So kann man sich auch Einfluss sichern.

Kolboom: Sicher, und wer will das nicht. Mittlerweile aber hat die OIF 70 Mitgliedstaaten, darunter allein 19 aus Ostbeziehungsweise Südosteuropa. Damit ist die OIF wahrlich keine Organisation der ehemaligen Kolonialmächte Frankreich oder Belgien mehr. Natürlich versucht Frankreich, seinen Einfluss geltend zu machen. Das ist legitim, aber nicht so einfach.

Und langfristig wird es schwieriger, schon aufgrund der demographischen Entwicklung: Die Zahl der französischsprachigen Menschen in Afrika hat zu-, die in Europa aber abgenommen. Die Zukunft der Frankophonie liegt damit in Afrika. Das wird sich auch politisch auswirken.

«Dem Englischen sollte nicht allein die Welt gehören»
Ingo Kolboom

SDA: Spielt die OIF auf dem internationalen Parkett überhaupt eine Rolle?

Kolboom: Die OIF ist unter anderem bei der UNO, der EU und der Afrikanischen Union akkreditiert und arbeitet mit weiteren Organisationen zusammen. Sie umspannt fünf Kontinente und vertritt mehr als ein Drittel der UNO-Mitglieder. Damit ist sie ihrem Anspruch, ein Global Player zu sein, näher gekommen.

Aber sie ist im Orchester der internationalen Organisationen eine von vielen. Wichtiger sind die vielen Initiativen und Aktivitäten unter- und ausserhalb des Frankophonie-Gipfels. Zum Beispiel das weltweite Netz frankophoner Universitäten oder der Fernsehsender TV5.

SDA: Was sind die Verdienste der Frankophonie?

Kolboom: Vor allem ihr Einsatz für die kulturelle Vielfalt, für den besonderen Schutz kultureller Güter und Dienstleistungen im Zeitalter gnadenloser Kommerzialisierung unter dem Deckmantel des Freihandels.

Die UNESCO-Erklärung zur kulturellen Vielfalt von 2001 wäre kaum zustande gekommen, hätte sich die OIF nicht so stark dafür eingesetzt. Sie selbst verkörpert ja mit ihren 70 Mitgliedern, in denen alle möglichen Sprachen und Religionen vertreten sind, ein Stück faszinierende kulturelle Vielfalt. Dem Englischen sollte nicht allein die Welt gehören.

SDA: Und was sind ihre Schwächen? Kolboom: Das sind die gleichen wie bei allen internationalen Organisationen: Die Partikularinteressen der von den gesellschaftlichen Wirklichkeiten abgehobenen Regierungen.

Hinzu kommen die politischen Verhältnisse in den meisten afrikanischen Mitgliedsländern, die den Zielen der Charta der Frankophonie wie Demokratie und Menschenrechte eklatant widersprechen.

Zu einem Problem könnten auch die nicht-frankophonen Mitgliedsländer werden. Einerseits wird die OIF mitgliederstärker, was gut für ihren Anspruch als Global Player ist. Andererseits führt dies zu einer Schwächung ihrer Identität als Sprachrohr der Frankophonen.

(sda/schj)

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