Inhalt

«Schockiert» über Arbeit im Bundesrat - GPK fordert Reformen

Montag, 31. Mai 2010, 5:12 Uhr, Aktualisiert 15:52 Uhr

Die Geschäftsprüfungskommissionen des National- und Ständerates haben bezüglich UBS-Affäre und Finanzmarktkrise den Gesamtbundesrat und insbesondere Finanzminister Hans-Rudolf Merz scharf kritisiert. Der Bundesrat habe seine Führungsverantwortung nicht wahrgenommen. Allerdings geben die GPK keine Empfehlung für eine Parlamentarische Untersuchungskommission PUK ab.

Bild

Mehr zum Thema

Umfrage

Die GPK des Parlaments kritisieren den Bundesrat für seine Rolle in der UBS-Affäre und in der Finanzkrise. Auf die Forderung nach einer Parlamentarischen Untersuchungskommission verzichten sie aber. Was meinen Sie?

Diese Umfrage ist geschlossen.

Artikel bewerten

  • Durchschnittliche Bewertung: 4
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5

Artikel teilen

Eine PUK zu fordern, sei nicht Sache der GPK, hielt Claude Janiak (SP/BL) auf mehrfache Nachfrage der Journalisten fest. Nun sei das Parlament gefordert, den Bericht zur Kenntnis zu nehmen und allenfalls weiterführende Massnahmen zu beschliessen.

Einschätzungen von Hanspeter Trütsch, SF-Redaktor, Bundeshaus.

Maria-Roth Bernasconi ergänzte, die untersuchenden Kommissionen hätten bereits Einblick in sämtliche geheimen Dossiers gehabt. Abgesehen davon sei die primäre Aufgabe der GPK nur, strategische Inputs zu geben. Dies hätten die Kommissionen mit ihrem Bericht getan.

GPK fordert keine PUK

Die potentiellen Risiken vor Ausbruch der Finanzkrise und damit verbundenen Folgen für eine Bank wie die UBS hätten eigentliche bekannt sein müssen, halten die GPK fest. Einzelne Fachbehörden wie die Finanzmarktaufsicht FINMA und auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) hätten diesbezügliche Signale herausgegeben.

Bundesrat reagierte während Monaten nicht auf Krise

Auch Finanzminister Merz sei zumindest über die neusten Entwicklungen im UBS-Dossier stets gut informiert gewesen.

«Während rund fünf Monaten kümmerte sich der Bundesrat nicht um die Finanzkrise»
GPK-Bericht

Allerdings habe er andere Handlungsoptionen als die Herausgabe von Bankkundendaten ausserhalb des Amtshilfeverfahrens erst geprüft, als es faktisch keinen Spielraum mehr für Alternativen gegeben habe, schrieben die GPK.

Das Finanzministerium habe die Problematik aber nicht in die Sitzungen der Gesamtregierung, des Bundesrates, eingebracht. «Während rund fünf Monaten (April 2008 bis September 2008) kümmerte sich der Bundessrat nicht um die Finanzkrise», kamen die GPK zum Schluss.

Kritik an Teamarbeit des Bundesrates

Merz habe zudem den Gesamtbundesrat zu spät einbezogen, heisst es im Bericht weiter. Damit habe es der Finanzminister dem Bundesrat verunmöglicht, die potenziellen Handlungspotionen zu nutzen. Die Alleingänge des Finanzministers bezeichnen die GPK als «verhängnisvollen Fehler».

GPK «schockiert» über fehlende Teamarbeit

Doch auch die anderen Bundesräte kommen nicht gut weg. Sie hätten Finanzminister Hans-Rudolf Merz zu mehr Teamarbeit zwingen müssen.

In der Pflicht hätten insbesondere Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf und Aussenministerin Micheline Calmy-Rey gestanden, die das Dossier zusammen mit Merz im Wirtschaftsausschuss des Bundesrats betreuten.

Empörung über Arbeit des Bundesrates

Dem Bundesrat scheine es in dieser Krise «an den elementarsten Mitteln zur Teamarbeit» gefehlt zu haben, schreiben die GPK in dem 370 Seiten starken Bericht weiter. Der Bundesrat habe offenbar nicht in einem Klima des Vertrauens und der Vertraulichkeit arbeiten können, zeigen sich die GPK «schockiert».

Keine geordneten Geschäftsübergaben

Auch die krankheitsbedingte Abwesenheit von Merz ist Thema im GPK-Bericht: Eveline Widmer-Schlumpf als Stellvertreterin von Merz war vorgängig nicht über das Dossier informiert worden.

Bei der Rückkehr erfolgte ebenfalls keine geordnete Geschäftsübergabe. Die GPK empfehlen deshalb dem Bundesrat «sein Stellvertretersystem den Anforderungen einer modernen Regierungstätigkeit anzupassen».

Aufruf zu Reformen

Die GPK hielt zusammenfassend fest: «Die vorliegende Untersuchung der GPK hat aufgezeigt, dass der Bundesrat seine Gesamtverantwortung als Kollegial- und oberste Exekutivbehörde des Landes im Dossier des grenzüberschreitenden Geschäfts der UBS nicht wahrgenommen hat.»

Die sei einerseits am Selbstverständnis des Kollegiums, andererseits an der zu weit gehenden Umsetzung des Departementalprinzips gelegen. Darum fordern die GPK im Rahmen der Regierungsreform Massnahmen, damit der Bundesrat «nicht nur formell, sondern auch effektiv die wichtigen Geschäfte als Kollegium führt und für diese die kollektive Verantwortung wahrnimmt».

Bundesrat soll Beratungen und Beschlüsse verschriftlichen

Die parlamentarischen Aufsichtsorgane fordern nun Schritte, um künftig solche Krisen zu verhindern. In 5 Motionen, 2 Postulaten und 19 Empfehlungen fordern sie Abhilfe.

Die Forderungen der GPK

Die GPK hält in ihrem Bericht mehrere Forderungen fest. Sie gehen hauptsächlich an die Adresse von Bundesrat und UBS.

Motionen:

- Beratungen und Beschlüsse im Bundesrat sollen künftig schriftlich festgehalten werden; auch bei geheimen Geschäften.

- Gesetzliche Regelung der so genannten «3er-Ausschüsse» zur Verbesserung des Austauschs zwischen den Departementen. Zudem regelmässige Gespräche mit dem FINMA-VR-Präsident.

- Verantwortliche von systemrelevanten Unternehmen sollen nachträglich strafrechtlich verfolgt werden können, wenn ein Konzern vom Staat Hilfe braucht.

Zu diesen und weiteren Motionen kommen 19 Empfehlungen.

So soll der Bundesrat im Gesetz verpflichtet werden, künftig alle Beratungen und Beschlüsse schriftlich festzuhalten. Die Protokolle des Bundesrates müssten als Führungsinstrument dienen können.

Aufruf zu Reformen

Überhaupt soll er im Rahmen der laufenden Regierungsreform konkrete Massnahmen vorschlagen, damit er bei wichtigen Geschäften eine effektive Führung wahrnehmen kann.

Die GPK-S und GPK-N hatten überprüft, wie Bundesrat und Finanzmarktaufsicht (Finma) im Falle von Kundendaten der UBS AG agiert haben, die in einem Amtshilfeverfahren den US-Steuerbehörden übergeben werden sollen. Der Bericht wurde laut Nationalrätin Maria Roth-Bernasconi (SP/GE) in den GPK einstimmig angenommen.

Juristisches Problem

In der juristisch komplexen Sachlage hat der Bundesrat über die Verwendung von Kundendaten (Bankgeheimnis) der UBS mit den US-Behörden ein neues Amtshilfeabkommen unterzeichnet. Dieses muss aus völkerrechtlichen Gründen dem Parlament vorgelegt und noch in der Sommersession verabschiedet werden.

Der Bundesrat geht davon aus, dass das Amtshilfeabkommen keinen Gesetzesstatus hat und darum auch nicht dem Referendum unterstellt werden muss. Das Bundesverwaltungsgericht vertritt hingegen die Ansicht, dass das Abkommen erst durch die Verabschiedung im Parlament Rechtskraft entfaltet.

Die Eidgenössischen Räte entscheiden bereits in den kommenden Tagen, ob sie zur UBS-Affäre eine PUK einsetzen wollen. Das Büro des Ständerats äussert sich morgen Dienstag dazu.

Nationalrat sieht Debatte für Mittwoch vor

Konkret muss sich das Ständeratsbüro zu einer ParlamentarischenInitiative des Nationalratsbüros äussern. Stimmt das Ständeratsbüro zu, können die Räte daran gehen, eine PUK einzusetzen.

Sagt das Ständeratsbüro Nein, müssen sich die Räte äussern. Im Nationalrat ist diese Debatte vorsorglich bereits für den Mittwoch in einer Woche traktandiert.

Die Debatten in beiden Räten werden nach Möglichkeit auf SF info und auf «tagesschau.sf.tv» live übertragen.

(sf/kurn/fref)

Kommentare aktiv...

E. Eremit, Schweiz
(Eremit Mann)
Verfasst am: 1.6.2010 0:37

Wer andern eine Grube gräbt ...

Das Parlament hat die Bundesräte gewält. Wenn... mehr

Zustimmen — 9 Leser sind auch dieser Meinung.
Ablehnen — 1 Leser ist anderer Meinung.

Heiklen Inhalt melden antworten

R. Anderegg, Buchs
(karthago_77 Mann)
Verfasst am: 31.5.2010 23:41

Warum wohl bewachen internationale Kriegsschiffe

die Küste des Libanons?? Weil zuvor auch... mehr

Zustimmen — 7 Leser sind auch dieser Meinung.
Ablehnen — 1 Leser ist anderer Meinung.

Heiklen Inhalt melden antworten

G. Bossert, Safenwil
(GaBo Frau)
Verfasst am: 31.5.2010 21:14

GPK sieht keine Notwendigkeit einer

PUK, dafür SP + SVP, wenn auch nicht auf... mehr

Zustimmen — 5 Leser sind auch dieser Meinung.
Ablehnen

Heiklen Inhalt melden antworten

Dieser Artikel wurde archiviert. Die Kommentarmöglichkeit wurde deshalb deaktiviert. Vielen Dank für Ihr Interesse.