Kultur
Pressebild des Jahres: Poetische Sicht auf iranischen Protest
Der «Oscar für Pressefotografen» ging dieses Jahr an den jungen Italiener Pietro Masturzo. Sein heimlich aufgenommenes Bild zeigt eine iranische Frau, die ihren Frust über den Ausgang der Präsidentschaftswahlen über die Dächer Teherans herausschreit. Fast wäre dieses ikonographische Bild, das nun als Symbol des Widerstandes avanciert, nie gemacht worden. «kulturplatz» hat den Fotografen in Rom getroffen.
Das Siegerfoto ist nach den umstrittenen Präsidentschaftswahlen entstanden. In den Nächten darauf protestieren viele, vor allem junge Iraner des Tags auf der Straße gegen die Wiederwahl von Präsident Mahmud Ahmadinedschad. Nachts rufen sie Protestslogans von Hausdächern herunter.
Pietro Masturzo erklärt seine Motivation: «Ich dachte, jetzt ist der richtige Moment, jetzt oder nie, - um den Zustand 30 Jahre nach der Revolution und die Zeit vor den Präsidentschaftswahlen im Iran zu dokumentieren. Man erwartete, dass etwas geschehen würde, aber niemand konnte sich vorstellen was.»
Der junge italienische Fotograf ist in den Iran gereist, um den Alltag, die Präsidentschaftswahlen, den wachsenden Unmut der Bevölkerung zu dokumentieren.
Doch gibt kaum Bilder aus dem Iran, die nicht unter der Kontrolle der Zensurbehörden entstanden. Meist sind es Handyfilme, heimlich gedreht.
Masturzo wurde verhaftet
Um solche Protestaktionen fotografieren zu können, ist Pietro nicht offiziell, sondern als Tourist eingereist. So hat er den Kampf der iranischen Gesellschaft für Freiheit und Demokratie dokumentiert.
Er war ständig in Gefahr, als ausländischer Journalist entlarvt zu werden. Tatsächlich wird Masturzo verhaftet: «In einer Nacht war ich etwas unvorsichtig. Ich sah die Polizisten im Einsatz, und dennoch habe ich sie fotografiert. Kurz darauf haben sie mich festgenommen und in ein Kommissariat gebracht. Drei Tage lang wurde ich verhört. Sie haben mein Material beschlagnahmt. Es gab so einige Probleme.» Doch er hat Glück und kommt frei.
Rufe auf den Dächern
Der Protest geht weiter. Tagsüber werden zwar immer mehr Demonstrationen niedergeschlagen. Nachts jedoch ertönen in Teheran plötzlich Rufe.
Am ersten Abend hat er sich gefragt, was da los sei, was diese Schreie bedeuten und überlegt sich dann, wie man diese Situation fotografisch einfangen kann.
So entsteht das World Press Photo des Jahres 2009 mit den Frauen auf einem Dach in Teheran. Pietro Masturzo drückt ab. Er schildert diesen Moment eindrücklich: «Als ich das hörte, wollte ich unbedingt, dass man mich sofort auf die Dächer bringt. Die Gefühle der Leute, der Iraner dort oben zu spüren - das war phantastisch. Jetzt erlebst du Geschichte, mit den Iranern zusammen hier oben.»
Foto zeigt Anfang einer riesigen Geschichte
Die Jury-Vorsitzende der Organisation World Press Photo sagte bei der Verkündigung des Preises: «Es ist ein sehr intimes Bild. Es steht symbolisch dafür, wie man eine Nachricht bereichern und Dinge aus einem anderen Blickwinkel betrachten kann».
Und: «Das Foto zeigt den Beginn von etwas, den Anfang einer riesigen Geschichte. Es berührt einen visuell und emotional und hat mich sofort gefangengenommen.»
Akustischer Protest dauert an
Pietro Masturzo hat für die Stimmen aus der Dunkelheit poetische Bilder gefunden. Es sind Rufe aus dem Dunkel der Anonymität und es sind Rufe der Verhöhnung, denn schon einmal erklang in Teheran diese Art von Protest. Als akustisches Vorspiel zur islamischen Revolution 1979, als der Schah von Persien schiitischen Geistlichen weichen musste. Auch damals riefen die Menschen nachts Gott an. Im Internet wird dieser akustische Protest weiter dokumentiert. Tag für Tag, bis heute - für jede Nacht ein Video.
Word Press Photo Award - Über 100'000 Bilder bewertet
In insgesamt 21 Kategorien wurden die besten Pressefotos gekürt und in Amsterdam vorgestellt. Preisträger sind 63 Fotografen aus 23 Ländern. Eingereicht wurden mehr als 101'000 Beiträge von 5847 Fotografen aus 128 Ländern.
Die meisten Preise - jeweils drei erste Plätze - gingen an die Nachrichtenagentur Associated Press und die französische Fotoagentur Agence Vu. Den Preis für das beste Nachrichtenfoto erhielt der «New York Times»-Fotograf Adam Ferguson. Es zeigt eine Frau, die nach einem Selbstmordattentat in Kabul vom Ort des Anschlags eilig weggeführt wird.
(sf/eduard erne/rufi)







