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Russischer Extremsport: Bahnfahren ohne Ticket
Angst vorm Schwarzfahren kennen die Russen nicht. Das illegale Reisen im öffentlichen Nahverkehr ist in Russland längst ein Volks-, für manchen sogar Extremsport. In Internet-Foren gibt es jede Menge Tipps, wie man mit Metro oder Elektritschka, dem Vorortzug, gratis von A nach B kommt.
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Immer mehr Russen klettern über hohe Zäune oder sperrige Drehkreuze, um - manchmal unter Lebensgefahr - aufs oder vom Bahngelände zu kommen. Oder sie nehmen im Zug Reissaus vor dem Kontrolleur.
Als Gründe des Schwarzfahrens oder des «Fahrens als Hase», wie die Russen sagen, gelten vor allem die hohen Preise.
Scharenweise auf der Flucht nach vorn
Jeder, der in einer Elektritschka etwa in Moskau oder St. Petersburg fährt, kann das sogenannte «Elektritschking» erleben: Wenn plötzlich in einem Waggon Dutzende Passagiere auf einmal aufstehen, ist meist kein Haupthaltepunkt in Sicht - sondern nur der Fahrscheinkontrolleur im anderen Waggon.
Die Passagiere treten dann scharenweise die Flucht nach vorn an, steigen bei der Station aus, rasen dann «wie die Hasen» auf dem Bahnsteig entlang und steigen in den bereits kontrollierten Waggon wieder ein. Das wissen freilich auch die oft weiblichen Kontrolleure. Sie können sich aber nur mit Schimpfen oder Trillerpfeifen Gehör verschaffen. Eine rechtliche Handhabe gibt es nicht.
«Fahren ohne Ticket gesellschaftlich akzeptiert»
«Zu Sowjetzeiten wäre man vor Scham im Boden versunken, heute ist das Fahren ohne Ticket im Grunde gesellschaftlich akzeptiert», sagt die 57-jährige Olga, eine frühere Ingenieurin, die täglich mit dem Vorortzug zum Reinemachen bei Privatleuten nach Moskau fährt. Sie fährt wie viele wegen 15'000 bis 20'000 Rubel (530 bis 710 Franken) Monatsgehalt in die Hauptstadt. Bei inzwischen 150 Rubel (5 Franken) Fahrtgeld pro Tag lohne sich das für sie aber immer weniger, sagt sie.
Allein in der Umgebung Moskaus hat die Anhebung der Fahrpreise zum Jahresbeginn etwa drei Millionen Russen kalt erwischt, wie Michail Anschakow von der Verbraucherschutzgesellschaft OSPP sagt. Für viele seien die Kosten sogar um das Drei- bis Fünffache gestiegen.
Soziale Massenproteste befürchtet
Er hofft, dass die Regierung zur Verhinderung sozialer Massenproteste nun die Preisstruktur wieder überdenke. «Ich sehe das überhaupt nicht ein, so viel für unsere kalten, dreckigen und oft innen zerstörten Züge zu bezahlen», sagt der Student Andrej, der die Elektritschka wie viele nur «Skotowoska», Viehwaggon, nennt. Für die spätere Weiterfahrt mit der Metro hat er eine Dauerkarte seiner Grossmutter dabei. Die Oma sei zu alt, um das Gratis-Ticket vom Staat selbst zu nutzen.
Für viele Russen aller Altersklassen ist das Schwarzfahren eine Art gesellschaftlicher Protest. Schuldgefühle hat kaum einer. Viele kritisieren auch einen extrem schlechten Service der oft noch wie zu Sowjetzeiten arbeitenden Bahn. Allein der Fahrscheinkauf in Russland kann eine kleine Ewigkeit dauern wegen der Schlange am Schalter.
«Hasen» ist kaum beizukommen
Auch der Chef der russischen Staatsbahn RZD, Wladimir Jakunin, musste unlängst einräumen, dass den «Hasen», wie auch er die Schwarzfahrer nennt, kaum beizukommen sei. Die Regierung müsse dringend Gesetze erlassen, damit die Ordnungswidrigkeit wie im Westen geahndet werden könne.
Allein für das vergangene halbe Jahr bezifferten die Moskauer Schienenverkehrsbetriebe die Verluste wegen der Zechprellerei auf rund 20 Millionen Euro (rund 30 Millionen Franken). Jakunin geht davon aus, dass mindestens 30 Prozent der Passagiere keine Fahrscheine lösen.
Moderne Expresszüge zu den Flughäfen
Doch auch in Russland geht es anders. Die Expresszüge zu den Flughäfen sind mitunter ultramodern, die 40-Minuten-Fahrt kostet 250 Rubel (9 Franken). Oft müssen Passagiere schon vor dem Einstieg ihr Ticket vorzeigen, dann kommt im Zug noch einmal ein Kontrolleur, und zu guter Letzt ist der Fahr- auch der Passierschein an den Schrankensystemen der Endhaltestelle.
Bei Fernreisen der Staatsbahn haben Russlands Schwarzfahrer-«Hasen» schon lange keine Chance mehr.
(agenturen/halp)
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