Schweiz
Erdbeben in Haiti: Schweizer sucht und findet Verlobte
Am Telefon sagte sie kurz: «Ich lebe»
Der 47-jährige Auslandschweizer Reto Jörimann mit Wohnsitz in Spanien hat nach dem Erdbeben in Haiti um seine Verlobte und deren dreijähriges Kind gebangt. Wie durch ein Wunder traf er rund eine Woche später an der Grenze zur Dominikanische Republik auf sie. Reto Jörimann steht mit der «tagesschau.sf.tv»-Redaktion im SMS- und Mailkontakt.
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Am Sonntag, 17. Januar, sechs Tage nach dem Erdbeben auf Haiti, meldete sich der Schreinermeister Reto Jörimann erstmals bei der «www.tagesschau.sf.tv»-Redaktion. Er habe eine Verlobte in Haiti, von der er seit der Katastrophe nichts mehr gehört habe.
Noch am selben Abend flog er nach Santo Domingo, die Hauptstadt der Dominikanischen Republik. Mit zwei Freunden fuhr Reto Jörimann an die Grenze zu Haiti, in die Ortschaft Jimani.
Für 75 Dollar erhielt er dort ein Visum, das ihm den Grenzübergang nach Haiti ermöglichte. Geld bestimmt den Betrieb am Grenzübergang.
«Schlepper lassen sich Schmiergeld bezahlen und bringen Haitianer über die Grenze», berichtete Jörimann. Auf der dominikanischen Seite hätten geflüchtete Haitianer improvisierte Märkte aufgestellt. Sie seien froh, wenn möglichst viele Leute die Grenze passierten und sie Güter an Landsleute verkaufen könnten, berichtet Jörimann.
Jörimann: «Ich war sehr erleichtert»
Bei der Immigrationsstelle an der Grenze traf Jörimann per Zufall auf seine Verlobte, nachdem er am Montagmorgen, rund eine Woche nach der Katastrophe, um 04 Uhr morgens einen kurzen Telefonanruf von ihr erhielt. Die «www.tagesschau.sf.tv»-Redaktion erreichte danach folgende SMS:
SMS vom 20. Januar 2010
Gestern haben wir uns gefunden. Es geht uns gut. Niemand ihrer [der Verlobten] Familie wurde ernsthaft verletzt. Hier an der Grenze keine Hilfe. Es ist schlimm. Help.
«Sie konnte nur kurz sagen, dass sie lebe», erinnerte sich Jörimann später am Telefon, Dann sei die Leitung unterbrochen worden. «Ich war sehr erleichtert», antwortete Reto Jörimann per SMS auf die Frage, wie er sich gefühlt habe, als er seine Verlobte antraf.
Von der Familie der Verlobten ist ebenfalls niemand verletzt worden. Zum Zeitpunkt des Bebens befanden sie sich auf der Strasse. Jörimanns Verlobte brachte ihre Tochter nach der Katastrophe sofort zu Bekannten in Haiti und machte sich auf zum Grenzort Jimani. Mittlerweile hätten sie das Kind wieder abgeholt, so Jörimann.
Eigentlich fassten er und seine Verlobte den Plan, sich in der Dominikanischen Republik übergangsweise eine Wohnung zu mieten. Daraus wurde nichts. «Es herrscht Preiswucher bei den Häusern», so Jörimann am Telefon. Stattdessen sind sie nach Haiti zurückgekehrt und haben sich im Vorgarten eines befreundeten Pastors eingerichtet.
Gefährliche Strecke ins Landesinnere
Reto Jörimann erzählte von einer jungen Frau, die mit ihrem Baby umherirrte, Büchsenmilch und Kindernahrung. Das Kleinkind habe seit zwei Tagen nichts gegessen, berichtete Jörimann. Junge Mädchen seien zusammen mit der Frau und dem Kleinkind unterwegs gewesen und wollten ins Landesinnere der Dominikanischen Republik. «Auf der Strecke, die sie nehmen wollten, kommt es immer wieder zu Übergriffen und Vergewaltigungen», berichtete Reto Jörimann. Er habe nichts anderes tun können, als sie zu warnen.
Verzweifelter Arzt
Hilfswerke im Grenzgebiet habe er bis jetzt erst wenige gesehen, erzählte Jörimann weiter. Einzig der Dominikanische Zivilschutz habe im Grenzgebiet einen Container aufgestellt, das Essen darin jedoch nur an die Angestellten ausgegeben.
Das Leben in Haiti steht praktisch still wegen Mangels an allem. Der Transport von Verletzten zieht sich in die Länge. Reto Jörimann erzählte von einem Zusammenstreffen mit einem belgischen Arzt. Dieser habe vor Verzweiflung geweint und ihm gesagt, seine Patienten hätten komplizierte Hirnverletzungen und benötigten eigentlich Untersuchungen mittels Computer-Tomographie.
Beim letzten Telefongespräch war Reto Jörimann auf dem Weg zum erwähnten Pastor, bei dem er und seine Verlobte vorübergehend wollten.
Am 22. Januar schrieb Reto Jörimann erneut aus Haiti: «Die SMS ab ausländischen Handys werden geblockt. Rein kommen sie. Kommt dieses an?» Darauf folgte ein kurzes Telefongespräch mit Jörimann, das aber wegen der schlechten Verbindung abbrach . Sie wollten jetzt erst einmal «abwarten und ausruhen», schrieb er kurz darauf in einer SMS.
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