20 Jahre Mauerfall
«Vor 20 Jahren fiel die Mauer» (VI)
Ein Schweizer erlebt den Mauerfall
Unter den vielen Menschen, die den Fall der Berliner Mauer in der Nacht des 9. November 1989 miterlebten, war auch der Schweizer Hans Durrer. Der in Grabs (SG) geborene Journalist hat seine Eindrücke aus dem nächtlichen Berlin, die darauffolgenden Tage und von der Medienberichterstattung zusammengefasst.
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Im November 1989, in der Nacht, in der die Mauer fiel, befand ich mich in Berlin. Ich sass mit einer deutschen Bekannten in einer Pizzeria, als plötzlich der Deutsch radebrechende italienische Kellner ganz aufgeregt durchs Lokal lief und dabei ekstatisch ausrief: «Mauer auf, Mauer auf».
Als Deutschschweizer, dem Gefühlsausbrüche ganz allgemein suspekt sind und der zudem Südländer nicht in erster Linie mit Verlässlichkeit in Zusammenhang bringt, machte ich meiner Bekannten schnell einmal klar, dass das, was der Mann da von sich gab, schlicht nicht sein könne und wir besser daran täten, sitzen zu bleiben und unser Mahl zu beenden.
Erst später, wir waren mittlerweile die einzigen noch verbliebenen Gäste, und der Wirt wollte das Lokal schliessen, war nicht mehr von der Hand zu weisen, dass der Kellner vielleicht doch recht gehabt und die Mauer, in der Tat, gefallen sein könnte.
Als wir schliesslich an einem Grenzübergang in Kreuzberg eintrafen, war es vier Uhr morgens und, abgesehen von vereinzelten Ostdeutschen, die herübertröpfelten, war draussen kaum mehr was los.
In den nahegelegenen Kneipen hingegen war die Stimmung bewegt – ich erinnere mich an aufgewühlte, seelisch und körperlich durchgeschüttelte Männer, Tränen in den Augen, und redend, erzählend, berichtend davon, dass einfach nicht zu fassen sei, was hier geschehe. Unmöglich, nicht bewegt zu sein.
Anderntags dann zeigte ein Blick aus dem Fenster, dass Schlangestehen angesagt war: Einmal für die 100 Westmark, Begrüssungsgeld genannt, dann für Bananen (offenbar eine Rarität im Osten) und schliesslich, um in die Sexshops reinzukommen.
So erlebte ich den Fall der Mauer. Doch ich sah noch eine zweite Mauer fallen. Diesmal auf dem Bildschirm. Es war eine Live-Sendung und deswegen schwer unter Kontrolle zu halten: Ein junger Mann aus dem Osten wurde gefragt, was er hier im Westen den Tag über so getan habe? «
Na ja, Ku‘damm rauf und runter halt.» Und was denn jetzt sein Eindruck sei? «Genau wie bei uns, für Westmark kriegste alles.»
Was da auf dem Bildschirm zu sehen war, vermittelte mir das Gefühl von Begeisterung und Spass, als ob man an einer gelungenen Party teilnehmen würde.
Auf jeden Fall war es etwas ganz anderes als was ich in der vergangenen Nacht empfunden hatte – dort war mir alles recht eigenartig und gleichzeitig unfassbar erschienen, während ich jetzt, auf dem Bildschirm, dieses sonderbare Gefühl hatte, dass das, was ich da zu sehen bekam, realer sei als was ich selber erlebt hatte.
Autor: Hans Durrer, http://hansdurrer.com
(sf/halp)
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