20 Jahre Mauerfall
Michail Gorbatschow: «Die Zeit war reif.»
In einem der seltenen Interviews erzählt der ehemalige Staatspräsident der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, von seinen Erlebnissen beim Fall der Berliner Mauer. Deutschland-Korrespondent Thomas Vogel traf Gorbatschow Anfang Oktober in München für ein Gespräch mit «10vor10».
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Eines der bekanntesten Aussagen von Michail Gorbatschow soll die Äusserung sein «Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.» Das direkte Zitat ist nicht überliefert, aber der ehemalige sowjetische Staatschef erinnert sich noch gut, wie er im Herbst 1989 anlässlich des 40. Jahrestags der DDR dem Vorbeimarsch des Fackelzugs zusammen mit Erich Honecker beiwohnte.
Bei der Manifestation stand nach eigener Aussage Gorbatschows hinter ihm der polnische Ministerpräsident Mieczyslaw Rakowski. Dieser habe gefragt, ob er, Gorbatschow, Deutsch verstehe. Aber dafür, was er gesehen habe, brauchte man kein Deutsch zu verstehen. Er habe verstanden, was die Leute brauchten und was sie riefen. Rakowski habe ihm darauf geantwortet, «Aber das ist doch das Ende!»
Gorbatschow sagt im Gespräch mit «10vor10», dass ihm klar gewesen sei: «Die Zeit war reif, wir mussten die Wünsche der Menschen ernst nehmen. Wir mussten ihnen entgegenkommen.»
Für Gorbatschow war dieser Prozess rückblickend unumkehrbar. Hätte man die Mauer wieder schliessen können? Für den ehemaligen Staatschef kam es mit dem Fall der Berliner Mauer so heraus, wie er es erwartet hatte. Er sei nicht überrascht gewesen, so Gorbatschow. «Diesen Vorgang konnte man nicht rückgängig machen, das hätte Krieg bedeutet.»
«Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.»
Der von Michail Gorbatschow am häufigsten zitierte Satz «Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben», den er in Ost-Berlin am 7. Oktober 1989 gesagt haben soll, hat Gorbatschow selbst nie so ausgesprochen. Hingegen soll er gemäss Zeitzeugen auf Russisch gesagt haben «Trudnosti podsteregajut tech, kto ne reagirujet na shisn», auf Deutsch «Schwierigkeiten lauern auf den, der nicht auf das Leben reagiert.».
In den Worten seines Dolmetschers sagte Gorbatschow am 6. Oktober in Ost-Berlin gegenüber Journalisten: «Ich glaube, Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren. Und wer die vom Leben ausgehenden Impulse - die von der Gesellschaft ausgehenden Impulse aufgreift und dementsprechend seine Politik gestaltet, der dürfte keine Schwierigkeiten haben, das ist eine normale Erscheinung.»
(10vor10/kurn)
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