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International

Gazas Spitäler unter Feuer

Montag, 5. Januar 2009, 3:30 Uhr, Aktualisiert 11:05 Uhr

Helfer getötet - erbärmliche Lage

Während das Internationale Komittee vom Roten Kreuz (IKRK) sich besorgt über die schlechte humanitäre Lage im Gazastreifen äussert, kritisieren Hilfs- und Ärzteorganisationen immer deutlicher die Folgen der israelischen Offensive für medizinische Einrichtungen in der Region. Bei den Luft- und Artillerieschlägen seien auch Ärzte und Rettungskräfte ums Leben gekommen.

Ein Sanitäter schiebt eine Bahre auf der ein verletztes Kind liegt.
Die Retter, die im Minutentakt Schwerstverletzte in die Spitäler von Gaza einliefern, werden nicht selten selber Opfer von Luft- oder Artillerieschlägen. (reuters)

So berichtet die israelische Medizinerorganisation Ärzte für Menschenrechte (Physicians for Human Rights, PHR) dass bei den israelischen Luftangriffen auf Gaza medizinisches Personal, «das verletzte Menschen evakuieren wollte, verletzt oder getötet» worden ist. Zudem seien medizinische Einrichtungen massiv beschädigt worden.

«Wir verurteilen diese Angriffe auf medizinisches Personal und Infrastruktur aufs Schärfste. Sie verletzen internationales Recht», erklärte Matthias Jochheim als Vorstandsmitglied der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Verantwortung (IPPNW).

Den Angaben zufolge wurden am 31. Dezember 2008 der 35-jährige Arzt Dr. Ahab al Madhun und der 20-jährige Sanitäter Muhamad Abu Khasideh bei dem Versuch getötet, verletzte Personen aus dem Gebiet Tel a-Ris, im Osten des Gazastreifens, zu evakuieren.

In der Nacht zum 30. Dezember wurde laut PHR das Hauptgebäude des Gaza Center for Medical Health in Gaza-Stadt, in Folge der israelischen Luftangriffe auf eine benachbarte Polizeistation schwer beschädigt.

Am 28. Dezember 2008 um ungefähr 6.50 Uhr sei das Medizinische Depot des Palästinensischen Gesundheitsministerium durch israelische Luftangriffe zerstört, am Morgen des gleichen Tages die Al Surani Clinic in Shaja'iah schwer beschädigt worden. Der Apotheker Rawia Awwad, der in der Klinik arbeitet, wurde laut Aussage der PHR Israel bei den Angriffen schwer verletzt.

Am 27. Dezember sei um 11.30 Uhr zudem die medizinische Infrastruktur auf einer früheren Militärbasis im Tel Alhawa-Viertel von Gaza beschädigt worden.

Die Zustände in den Spitälern seien zudem katastrophal. Mehr als 60 Menschen seien seit Beginn der israelischen Bodenoffensive getötet worden, sagte ein Sprecher der Gesundheitsbehörde in Gaza.

«Viele Leichen können wir wegen des intensiven Beschusses überhaupt nicht mehr bergen. Wenn es einmal ruhig ist, dann werden wir viele Leichen unter Trümmerbergen finden», sagte der Sprecher. Seinen Angaben zufolge sind seit Beginn der israelischen Militäroffensive am 27. Dezember mindestens 520 Palästinenser getötet und weitere 2500 verletzt worden.

Nach Angaben des Sprechers wurden am Sonntag auch vier palästinensische Sanitäter getötet, die Verletzte aus Häusern bergen wollten.

Wie die Hilfsorganisation Oxfam mitteilte, starb einer ihrer Mitarbeiter, als ein Granatsplitter in eine Ambulanz einschlug. Ein weiterer Sanitäter habe einen Fuss verloren. Die Spitäler im Gazastreifen würden mit Toten und Verletzten überflutet, heisst es in einer Oxfam-Erklärung.

Zugleich gebe es einen ernsthaften Mangel an wichtigen Medikamenten und Ersatzteilen. Mitarbeiter würden zu Hause bleiben, weil sie um ihr Leben fürchteten. Eine Waffenruhe sei dringend notwendig, um humanitäre Hilfsgüter zu den Bedürftigen zu bringen.

Nach Angaben des IKRK verweigern die israelischen Behörden seit zwei Tagen einem Ärzteteam des IKRK den Zugang zum Gazastreifen, um das wichtigste Spital der Region, El Schiffa, zu unterstützen.

Das Rote Kreuz sei beunruhigt über die wachsende Zahl von Toten unter der Zivilbevölkerung und über die bei den Kämpfen beschädigten Zivilgebäude und Spitäler, erklärte der IKRK-Direktor für operationelle Einsätze, Pierre Krähenbühl.

Internationales Recht verbiete Angriffe auf Zivilisten während eines Konflikts, betonte Krähenbühl. Er forderte Israel und die radikal-islamische Hamas-Bewegung auf, Zivilisten in dem Konflikt zu schützen.

Das UNO-Büro zur Koordinierung humanitärer Einsätze erklärte derweil, die seit Tagen andauernde israelische Militäroffensive im Gazastreifen spitze die humanitäre Krise in der Region weiter zu.

Im Gazastreifen sei der Strom quasi komplett ausgefallen, die Spitäler von Gaza-Stadt seien auf Generatoren angewiesen. Diese Generatoren drohten jederzeit zusammenzubrechen, teilte das UNO-Büro mit. Im Spital El Schiffa seien im Falle einer Generatoren-Panne die Leben von 70 Patienten in Gefahr, darunter 30 Kleinkinder, die auf der Intensivstation auf Maschinen angewiesen seien.

Amnesty: « Menschen haben nichts zu essen»

Nach Einschätzung der Menschenrechtsorganisation Amnesty International ist die Lage im Gazastreifen so schlecht wie nie zuvor seit der israelischen Besetzung 1967. Die allgemeine Situation habe sich seit zwei Jahren kontinuierlich verschlechtert, «aber dass die Menschen nicht zu essen haben, das gab es noch nie», sagte die ai-Nahostexpertin Donatella Rovera der «Berliner Zeitung».

Reis, Zucker und Brot seien im Gazastreifen kaum noch aufzutreiben. In den Spitälern mangle es an Medikamenten und medizinischem Gerät. Zudem gebe es keinen Strom und damit auch kein Wasser, weil die elektrischen Pumpen nicht funktionierten.

Der UNO-Sicherheitsrat müsse Druck auf beide Seiten ausüben, forderte Rovera. Es stehe ausser Frage, dass Israel ein Recht habe sein Volk zu schützen. Die Angemessenheit der Mittel scheine jedoch fraglich.

(sf/sda/halp)