Schweiz
Sterbehilfe-Patienten oft nicht todkrank
91 Prozent der Patienten Ausländer
Immer mehr Schweizerinnen und Schweizer, die Sterbehilfe in Anspruch nehmen, sind nicht tödlich krank. Zu diesem Schluss kommt eine vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützte Studie, welche die Situation in der Stadt Zürich untersuchte. Exit Schweiz relativiert die Ergebnisse.
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Laut der Studie litten zwischen 1990 und 2000 22 Prozent der Menschen, die sich in Zürich von der Sterbehilfeorganisation Exit Deutsche Schweiz in den Tod begleiten liessen, nicht an einer tödlichen Krankheit. Dieser Anteil stieg in der Periode von 2001 bis 2004 auf 33 Prozent, wie der Nationalfonds mitteilte.
Bei Dignitas betrug der Anteil nicht tödlich Kranker im selben Zeitraum 21 Prozent. Vergleichszahlen aus den 90er-Jahren lagen den Forschern der Universität Zürich und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) für Dignitas nicht vor.
Bei den nicht tödlich Kranken handle es sich meist um alte Menschen mit Krankheiten wie rheumatische Beschwerden oder Schmerzsyndromen, sagte die Soziologin Susanne Fischer laut Communiqué. Lebensmüdigkeit und ein allgemein schlechter Gesundheitszustand nehme also bei älteren Menschen zu als Motiv, sterben zu wollen.
Die Studie zeigt deutliche Unterschiede zwischen Exit und Dignitas. Das Durchschnittsalter der Dignitas-Patienten war mit 65 Jahren deutlich tiefer als bei Exit (77 Jahre). Die Forscher erklären dies damit, dass Dignitas vor allem ausländische Patienten in den Tod begleitet (91 Prozent), während Exit dies kaum tut (2001 bis 2004: 3 Prozent).
Sterbewillige aus dem Ausland müssten genügend fit sein, um noch in die Schweiz reisen zu können, sagte der Arzt und Medizinethiker Georg Bosshard, der die Studie leitete. Suizidbeihilfe ist in den meisten europäischen Ländern verboten.
Bei beiden Organisationen nahmen in den letzten Jahren deutlich mehr Frauen als Männer die Sterbehilfe in Anspruch. 2001 bis 2004 waren 64 Prozent der Dignitas-Patienten Frauen, bei Exit betrug der Anteil 65 Prozent. In den 90er-Jahren war die Verteilung bei Exit noch ausgeglichen gewesen.
Ein Faktor für den Unterschied könnte laut den Forschern sein, dass Frauen eine höhere Lebenserwartung haben als Männer: Sehr alte Menschen hätten oft mit dem Leben abgeschlossen. Zudem sei aus Suizidstatistiken bekannt, dass sich Männer häufiger selber umbringen - lebensmüde Frauen könnten sich dagegen eher an eine Sterbehilfeorganisationen wenden.
Die Forscher untersuchten die vom Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich abgeklärten Fälle von Suizidbeihilfe; Suizidbeihilfe ist meldungspflichtig und jeder Fall wird durch die Untersuchungsbehörden geprüft. Für 2001 bis 2004 umfasst die Studie fast alle Fälle von Dignitas und etwa ein Drittel jener von Exit Deutsche Schweiz.
Betrachte man die ganze Schweiz, steige die Zahl der von Exit in den Tod begleiteten Patienten ohne tödliche Erkrankung nicht an, teilte Exit Deutsche Schweiz mit.
Die Forscher hätten nur Fälle aus der Agglomeration Zürich untersucht. Die Ergebnisse seien deshalb für die Schweiz nicht repräsentativ.
Bei diesen nicht tödlich Kranken handle es sich im Übrigen nicht um «irgendwie vage Lebensmüde», schreibt Exit. Vielmehr seien dies mehrfach körperlich kranke Menschen.
Auch das Geschlechterverhältnis ist laut Exit in der Studie falsch dargestellt. Im langjährigen Durchschnitt seien bei Exit 55 Prozent der Patienten Frauen.
Zudem hätten die Forscher nicht auf alle Daten Zugriff gehabt: Die Unterlagen im Institut für Rechtsmedizin beinhalteten beispielsweise nicht die vollständig ärztliche Diagnose.
(sda/sper/from)
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