International
«Leichenhäuser sind noch nicht voll»
Vom Wahl-Kampf zum Völkermord
Der eskalierende Konflikt um den Wahlausgang in Kenia droht mehr und mehr zu einem ethnischen Kampf zu werden. Vor diesem Hintergrund könnten die Schätzungen von mindestens 300 Todesopfern sehr rasch nach oben schnellen.
Der 16-jährige Dan Mugambi bewacht mit seiner Machete einen Brückenübergang in einem Elendsviertel von Nairobi. In seinem Haar verfängt sich die Asche brennender Häuser aus der Nachbarschaft. «Ich ritze jeden auf, der über diese Brücke kommt. Die haben unsere Häuser abgebrannt», sagt Mugambi.
Hinter ihm tobt eine Menge aufgebrachter junger Männer. Hunderte sind mit Macheten, Sägen und sogar Schaufeln bewaffnet, während sie den Bränden in ihrer Kikuyu-Siedlung zusehen müssen.
Nach dem fragwürdigen Ergebnis der Präsidentenwahl in Kenia macht sich die Furcht vor einem Flächenbrand breit: Opposition und Regierung benutzen bereits das in Ostafrika schwer belastete Wort «Völkermord».
Nachdem sich die mit Kugeln durchsiebten Körper in den Leichenschauhäusern sammelten - Menschenrechtsgruppen sprechen von mindestens 300 Toten - sprach der unterlegene Präsidentschaftskandidat Raila Odinga vor Medien von «Genozid».
Der Landwirtschaftsminister Kivutha Kibwana antwortete und verurteilte «die Akte des Völkermordes, die in Teilen des Rift-Valleys verübt werden».
Die blutigen Unruhen nehmen ihren Ausgang in der engen Verbindung von politischen und ethnischen Loyalitäten in dem ostafrikanischen Land. Von einem Präsidenten aus dem eigenen Stamm erwarten viele Kenianer, dass sie bei der Vergabe von Mitteln, Arbeitsplätzen und anderen Vergünstigungen bevorzugt berücksichtigt werden.
Der im Amt bestätigte Präsident Mwai Kibaki gehört den Kikuyu an, der grössten der 42 ethnischen Gruppen in Kenia. Den Kikuyu wird von anderen Stämmen regelmässig vorgeworfen, das Geschäftsleben und die politische Macht in ihren Händen zu konzentrieren.
In den vergangenen Jahren konnte Kenia als afrikanischer Musterstaat ein eindrucksvolles Wirtschaftswachstum aufweisen. Von den Luxuswohnungen und neuen Autos, die in der Hauptstadt Einzug hielten, profitierte jedoch nur eine kleine Elite.
Vor allem die Luo, denen Odinga angehört, gehörten daher stets zu den Kritikern der herrschenden Kikuyu. Sein Wahlkampfslogan war auf ein Wort reduziert: «Wechsel». Mit seinem Eintreten für Sozialprogramme hatte er den stärksten Rückhalt in den Elendsvierteln der Hauptstadt.
«Wir haben für den Wechsel gestimmt», schreit ein Anhänger Odingas, James Okidi, bei einer Protestveranstaltung. «Wenn uns Kibaki nicht unseren Präsidenten geben kann, die Leichenhäuser sind noch nicht voll», warnt er.
Die Lage in den Slums von Nairobi eskalierte seit der Wahl am vergangenen Donnerstag zusehends. Die Polizei erschoss zahlreiche Anhänger Odingas, die Luo begannen Häuser der Kikuyu in Brand zu stecken. Schätzungsweise mehr als 100'000 Menschen sind landesweit auf der Flucht vor der Gewalt.
Diebstähle, Kämpfe und Brandschatzungen kommen in dem zunehmenden Chaos immer häufiger vor. So wie Dan Mugambi mit seiner Machete die Brücke in Mathare bewacht, die seine Siedlung von den Häusern der Luo trennt, nehmen immer mehr Bewohner das Recht selbst in die Hand.
«Wenn man in die Ecke gedrängt wird, dann kämpft man», sagt der 20 Jahre alte Marvin Gicheha, ebenfalls ein Kikuyu aus Mathare, einer Reihe von Slums, in denen Schätzungen zufolge rund 500'000 Menschen auf engem Raum zusammenleben.
Die Politiker rufen zur Zurückhaltung auf, ihre Bekenntnisse klingen jedoch halbherzig. Schliesslich geht es darum, wer künftig in Nairobi das Sagen hat.
Doktor John Okello vom Krankenhaus Nairobi zufolge ist beispielsweise die Zahl der Vergewaltigungen stark angestiegen. «Es ist ein Kreislauf von Kampf und Rache», sagt Okello und blickt auf den schwarzen Rauch, der über den Elendsvierteln aufsteigt. «Die Politiker können das jetzt nicht stoppen.»
(ap/k.houreld/halp)







